Flotte Phrasen – Angelika Niescier

Foto von Saxofonistin Angelika Niescier
Foto von Saxofonistin Angelika Niescier im abgebildeten Artikel: Arne Reimer

Ein Saxofonton wie ein eilig geflochtenes Soundschleifen-Kunstwerk, ein Sammelsurium international besetzter Combos, Konzertreisen in alle Welt und ein Regalfach voller Musikpreise. Jazzerin Angelika Niescier hat schon jetzt eine Menge, auf das sie zurückblicken kann. Lieber noch blickt sie nach vorn, etwa mit ihrem aktuellen New York Trio, dem neuen Album voller „Cage-ism“, und der Vorfreude auf ein besonderes Date mit ihrem Idol John Coltrane.

Angelika Niescier ist gern vorne mit dabei. Lässig und im übertragenen wie im Wortsinn ungeschminkt, stellt sie sich in die erste Reihe, bevor sie rastlos zum nächsten Vorhaben weitersaust. Ihre humorige, unprätentiöse Art stellt sie ganz in den Dienst der Musik. Als in Bremen 2006 die europäische Jazzmesse jazzahead! erstmals, in weit kleinerem Format als heute, ihre Pforten öffnete, war Niescier dort. Zwei Jahre danach war sie die erste Musikerin, die von den Organisatoren des Jazzfestes der Stadt Moers für ein Jahr als Improviser in Residence eingeladen wurde. Bei der ersten Verleihung des ECHO Jazz 2010 (den es seit 2018 nicht mehr gibt) nahm sie die Auszeichnung als „Newcomer des Jahres national“ entgegen. Im selben Jahr reiste sie mit dem von ihr geleiteten German Women Jazz Orchestra nach Bahrain – die erste Tournee von vielen. Und wäre das nicht 2003 Ulrike Haage gewesen, wäre sie seit 2017 zudem die erste weibliche Jazzerin, die den Albert-Mangelsdorff-Preis bekommen hat. Dass sie in diesem Fall die zweite war, dürfte ihre Freude kaum trüben. Schließlich gilt diese Auszeichnung der Deutschen Jazzunion (bis Mai 2019: Union Deutscher Jazzmusiker) als der wichtigste deutsche Jazzpreis.

Als sie im Mai mit ihrem New York Trio in München auftritt, findet sie vorher Zeit für ein Interview mit sonic. Wenn Niescier Saxofon spielt, assoziiert und improvisiert sie viel, entwickelt verschlungene Linien, die sich mit denen ihrer Bandleute verweben. Kein Stück klingt je gleich. Wenn die Musikerin redet, assoziiert sie ebenfalls fortwährend eins aus dem anderen. Das geht bisweilen so schnell, dass sie fast über ihre Zunge stolpert. Spricht sie deutsch, schleichen sich ab und zu unbemerkt Anglizismen hinein. Über all den Kooperationen, Reisen und Bands verliert sie ab und zu für einen Moment den Überblick. Welches der Repertoires ist denn eingespielt, und veröffentlicht, und wenn, dann wo? Womöglich etwas mehr als bei anderen Künstlern ist die auf Alben dokumentierte Musik nur ein Ausschnitt dessen, was die Saxofonistin spielt. Vieles gibt es nur live, manches nur ein Mal. Allein dieses Jahr war sie bisher in Malaysia und der Türkei, nahm dort wie immer die Gelegenheit wahr, sich überall munter durch die regionale Szene zu spielen. Aufgezeichnet ist davon nichts. Mit ihrem jazzclubmäßigen New York Trio mit Chris Tordini am Bass und Gerald Cleaver am Schlagzeug war sie vor Kurzem im Studio. Eigens an der Trompete gefeatured wurde Jonathan Finlayson, der allerdings nicht mit auf Tour gehen konnte. Das, was notiert ist an der Musik, hat Niescier geschrieben.

John Cage ist derzeit einer ihrer relevantesten Einflüsse, etwa seine Ansätze, den Zufall gezielt die Gestaltung der Musik mitbestimmen zu lassen. Seit etwa fünf Jahren setzt sie sich damit auseinander. So wurden bei einem ihrer aktuellen Stücke für jeden Musiker Spiel- und Pausenzeiten ausgewürfelt, bei anderen die Zahl der Töne, die verwendet werden sollten. Cages in seinem Buch „Silence“ dokumentiertes Nachsinnen, ob es einen Lastwagen mehr oder weniger musikalisch machen würde, ob er an einer Fabrik oder einer Musikschule vorbeifährt, hat Niescier zu einem Lastwagen-Stück animiert. Das Ergebnis nannte sie „A Truck passing a Clock Tower“. Es gibt also einiges an gedanklichem Überbau an diesem Album, was nicht bei allen ihrer Einspielungen der Fall ist, wie sie selbst feststellt. Es ist ihre dritte Veröffentlichung bei der Schweizer Musikfirma Intakt Records. Dort ist zuletzt die nur minimal nachbearbeitete Live-Aufzeichnung ihres Konzerts in Berlin zur Verleihung des Mangelsdorff-Preises erschienen. Ein Teil des neuen Repertoires ist auf dem letzten Album schon zu hören, allerdings anders interpretiert, mit Tyshawn Sorey am Schlagzeug, und ohne Trompete. Mit dem Label hat sie ihr Kooperationsspektrum erneut erweitert. Bei Musikfirmen ähnlich flexibel wie bei Ensembles hat Niescier seit ihrem Debüt im Jahr 2000 vorher etwa mit shaa-music, blue pearls music und enja records gearbeitet.

(…)Das vollständige Porträt/Feature ist erschienen in sonic 4/2019

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